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“Petzi”, so nannte ich das vier Monate alte Waschbärenbaby, das bei uns abgegeben worden war. Ein gemeiner und brutaler Mensch hatte sie mit einem spitzen Gegenstand auf brutalste Weise verletzt, erniedrigt und von ihrer Mutter und ihren Geschwistern getrennt. Nicht einmal der Tierarzt wollte ihr helfen! Sie war bissig und verängstigt vor Schmerzen und vor Hass gegen den Menschen.
Für mich ist es nicht zu begreifen, dass Menschen zu einer so brutalen Misshandlung fähig sind. Es bricht mir das Herz, in solche kleinen traurigen Augen zu sehen. Ich fühle mit meinen Tieren, als waere ich selbst ein Tier. Doch sollte es nicht auch so sein? Tiere fühlen, Tiere lieben, sie spüren jeden Schmerz genauso, wie Du und ich!
Würde so etwas mit einem Menschenkind geschehen, wären alle Zeitungen voll davon, aber es ist ja nur ein “Waschbär”!
Der Indiansummer war dieses Jahr schon sehr früh gekommen. Es war erst Mitte September und die Zeit der Waschbärenfindlinge eigentlich schon vorüber. In diesem Alter haben verletzte Waisenbabys eigentlich keine Chance mehr, gefunden zu werden. Das Leben mit ihrer Mutter lehrte sie, vor dem Menschen auf der Hut zu sein. Bis zum ersten Schnee haben Babys im Alter von vier Monaten oft noch gute Überlebens-Chancen. Den Winter jedoch überleben die meisten nicht! In Kanada sind die Winter so kalt und so lang, dass es erwachsene Tiere oft schon sehr schwer haben, den Winter zu überstehen.
  
Petzi hatte jedoch das Glück, dass man sie gefunden und bei uns abgegeben hatte! In einer Ecke eines kleinen Käfigs sitzend, beobachtete sie mich genau. Ihre Augen verrieten mir, was sie alles hatte erleiden müssen und wie sehr sie die Menschen hasste! Ich wollte gern etwas gegen ihre Schmerzen tun, aber sie liess niemanden an sich heran.
Durch den grossen Hunger wurde ihr Hass aber doch ein wenig gemildert und sie trank endlich Wasser und frass gierig das Futter, das ich sehr behutsam mit einem Kochlöffel in ihren Käfig schob. Mit etwas Aspirin, das ich unter das Futter gemischt hatte, konnte ich ihre Schmerzen schließlich doch etwas lindern.
Petzi frass und schlief sehr viel. Ihren Käfig stellte ich in meine Küche, damit sie mich immer sehen konnte und das Gefühl hatte, nicht allein zu sein auf dieser brutalen Welt.
Es vergingen viele Wochen. Petzi liess sich nun schon ein wenig mit meinem “Zauberstab”, einem Kochlöffel, streicheln. Ihre Augen wurden etwas klarer und ich hoffte für uns beide, dass sie vielleicht doch irgendwann ein normales Leben wird führen können. Sie bewegte sich nur ganz langsam von der einen Ecke in die andere und zog dabei ihre Hinterbeinchen schleppend hinterher. Für uns war es sicher: sie ist gelähmt! Ich schwor mir, für meine geliebte Petzi immer da zu sein, und ich glaube, das wusste sie!
Unser geplanter Urlaub musste nun ins Wasser fallen. Ich konnte Petzi ja zu niemandem in Obhut geben, denn sie hasste die Menschen so sehr. Das hätte ich ihr nicht antun wollen.

Mein Mann hatte wieder einmal eine sehr gute Idee: Einen Camper mieten und einfach losfahren! Mit Hunden, Petzi und unseren fünf Eichhörnchen, die wir nebenbei noch aufzogen, fuhren wir in den nächsten Tagen los.
Wir brauchten für ein paar Tage einfach einen Ortswechsel, denn in diesem Jahr zogen wir 18 Waschbärenbabys und vier Murmeltiere auf.
Ein Bekannter fütterte jeden Tag unsere Waschbären und Murmeltiere, während wir uns den Urlaub gönnten. Um diese Zeit, im September, sind sie schon sehr kräftig, streifen oft den ganzen Tag durch die Wälder und kommen nur zum Fressen und Schlafen zurück.
Es war traumhaft! Dieses Motor-Home war super! Ein riesiges Bett, eine Küche, ein kleines Badezimmer, eine Essecke und genügend Platz für all' unsere Tiere. Überall wo wir ein schönes Plätzchen an einem See oder Fluss fanden, blieben wir für ein oder zwei Nächte. Petzi gefiel es. Ich konnte sehen und fühlen, wie sie täglich ruhiger wurde. Anfassen durfte ich sie zwar noch immer nicht, aber sie liess es zu, dass ich ihren Käfig öffnete, um frische Handtücher in ihr Bettchen zu legen. Das kleine Bärchen, das ich ihr in ihre Ecke legte, liebte sie.

Acht Tage waren wir unterwegs und besuchten zum Schluss noch eine kleine Tierstation, die vom Staat unterstützt wird. Viele Tiere sind hier untergebracht, Bärenbabys, Elchbabys und viele andere, die Hilfe brauchen. Es ist nicht so mein Geschmack, denn alle sind eingesperrt. Da es so viele sind, muss es so sein, auch wenn ich es nicht sehen mag. Es sind aber sehr nette Leute dort, die sehr viel für die Tiere tun.
Als ich die Waschbären und das Murmeltier sah, die hier untergebracht waren, hielt mich nichts mehr zurück. Meine Liebe zu den Waschbären ist einfach so gross, dass ich in diesen Käfig gehen musste, um die Tiere zu begrüssen. Die nette Frau sperrte mir den Käfig auf und sah mir mit unsicheren Blicken zu. Natürlich wusste ich nicht, wie die Tiere reagieren würden, wenn plötzlich ein Mensch sie streicheln will. Hier haben diese Tiere zum Menschen nicht viel Kontakt, das hatte ich schon fühlen können.
Doch es war überwältigend: Die vier Kleinen, etwa im Alter von Petzi, kamen sofort in meine Arme, leckten meine Hände und mein Gesicht. So, als würden wir uns immer schon kennen. Leute, die diese Station besuchten, versammelten sich um den Käfig und sahen mir neugierig zu. “Ach bitte, nehmen Sie doch noch mal einen auf dem Arm! Haben Sie keine Angst Parasiten zu bekommen?” Sie stellten mir viele Fragen, die ich versuchte zu beantworten. Dennoch, glaube ich, konnte ich den Besuchern meine Liebe zu den Tieren nicht klarmachen.
Zum Schluss gaben uns die Besitzer noch das Murmeltier mit, das allein im Käfig gesessen hatte. “Little Footfoot” bekam einen kleinen Transportkäfig und wir starteten unsere Heimreise. Unsere kleine Arche Noah war nun voll. Fünf Eichhörnchen, Petzi, little Footfoot, unsere beiden Hunde, Lissy und Honny, und wir.
Endlich zu Hause! Alle freuten sich, vor allem die Daheim gebliebenen Waschbärenkinder. Little Footfoot wurde erstmal seinen Artengenossen vorgestellt. Sie konnten sich anfangs nicht sehr gut leiden. Der Kleine aber war so frech und untersuchte sofort den Bau vor unserem Haus, den unsere Murmels sehr tief gegraben hatten. Es dauerte nicht lange und meine vier nahmen den Neuankömmling in die Familie auf. So blieben sie zusammen in ihrem Bau und bereiteten sich für den langen Winter vor.
Ich musste noch unser fahrendes Haus säubern und gut aus auslüften, damit wir es wieder abgeben konnten. Nach stundenlangem Putzen war alles wieder wie neu. Wenn die Verleihfirma wüsste, wen wir alles dabei hatten! Das würde ja niemand glauben! Aber keiner merkte etwas. Wir bekamen sogar einen Nachlass, weil der Wagen so sauber war! Super!
Petzi war nach diesem Kurzurlaub ganz verändert.
Es ging aufwärts! Zusehends ging es ihr bessser. Manchmal spielte sie sogar mit dem Spielzeug für Katzen, das ich ihr an den Gitterstäben befestigt hatte. Es war wie Weihnachten, so sehr freute ich mich, dass Petzi anfing, mir zu vertrauen!
Wochen waren vergangen und nun schneite es. Der Winter zog ins Land. Meine Waschbärenkinder kuschelten sich in ihrem Bau unter unserer Terrasse fest aneinander und kamen nur noch alle zwei Tage, um zu fressen. Es ging ihnen gut und ich war zufrieden, alle wohlauf zu sehen! Unsere Eichhörnchen bekamen einen grossen Käfig, den mein Mann auf Rollen baute, dort hatten sie viel Platz zum Klettern und Spielen. Sie waren leider zu spät auf die Welt gekommen, so mussten sie bei uns überwintern. Es war immer sehr lustig mit ihnen. Im Winter habe ich nicht sehr viel Abwechslung und bin deshalb froh, all' meine Tiere im Haus zu haben.
Weihnachten rückte immer näher und wir schmückten unser Haus, denn unser Sohn Andi wollte ja zu Besuch kommen. Petzi beobachtete alles genau und manchmal piepste sie leise vor sich hin. Ab und zu durfte ich ihre kleinen Händchen streicheln. Es ist wie Telepathie, beide fühlen wir dasselbe. Meine Gefühle für Petzi liessen mich regelmässig weinen, wenn ich in ihre traurigen Augen sah. Nur ein einziger Gedanke an diesen Menschen, der meine kleine Petzi so misshandelt hatte, lies mich wütend werden.
Als ich, wie immer, Petzis Bettchen säuberte, liess ich aus Versehen den Käfig offen. Petzi schleppte sich an die Tür und weinte. “Oh, Petzi, was ist denn mit Dir?” Ich setzte mich auf den Stuhl, der immer vor ihrem Käfig stand, da ich ja viel Zeit damit verbrachte, mit ihr zu reden. “Baby, ich kann dich leider noch nicht auf den Arm nehmen, aber wenn Du ganz lieb bist wird es bald so weit sein.” Es hätte keinen Sinn, einen so verängstigten Waschbären freizulassen. Ich könnte mich nicht mehr um ihn kümmern, er würde sich verletzen, sich irgendwo verstecken und zugrunde gehen. So musste ich abwarten, so leid es mir tat.

Nun war Petzi schon sehr lange bei uns, frass sehr gut und spielte mit ihrem Spielzeug. Ab und zu durfte ich ihren Rücken mit meiner Hand streicheln und ich merkte, wie sehr sie es liebte. Ihr Rücken hatte so einen richtigen Buckel, aber ihre Schmerzen waren fast vorbei.
An einem verschneiten Dezembertag sollte sich zeigen, dass sich die Liebe zu Petzi durch alles Leid hindurch gelohnt hatte. Als ich, wie jeden Morgen, die Käfigtür öffnete, um Petzi neue Handtücher und frisches Wasser zu geben, krabbelte sie an meinem Arm hinauf bis auf meine Schulter. Sie streichelte vorsichtig mein Gesicht und ich spürte, dass sie genauso aufgeregt war wie ich. Leise sprach ich mit ihr und fing an, sie langsam und zärtlich zu streicheln. Und sie liess es zu! Ich kann es kaum beschreiben, heute noch laufen mir vor Glück die Tränen über mein Gesicht.
Von diesem Tage an konnte Petzi sich frei fortbewegen, zwar nur langsam, aber es schien, als hätte sie keine Schmerzen mehr. Einen kleinen Korb mit einer flauschigen Decke nahm sie gern an. Die Hunde wurden ihre besten Freunde. Manchmal legte sie sich auf Honny und genoss es, auf einem so weichen Fell zu liegen. Als Toilette bekam Petzi ein Katzenklo mit Wasser und nie machte sie ihr Geschäft an einem anderen Ort! Einfach ein perfekter Haus-Waschbär!
Eines morgens nahm ich sie mit unter die Dusche. Es war eine Freude ihr zuzusehen, wie sie planschte. Nach dem Duschen machte ich ihr ein warmes Bad. Ihr Fell war völlig verschmutzt, denn ich hatte sie ja fast zwei Monate lang nicht säubern können. Von nun an genoss sie dieses Bad täglich und ich merkte, dass es auch ihrem Rücken sehr gut tat.
Zwischen Petzi und mir entstand eine unbeschreibliche Liebe. Sie liess keinen anderen Menschen in ihre Nähe. Meinen Mann akzeptierte sie zwar, aber berühren durfte er sie nicht. Wenn Besuch kam, war Petzi nicht zu halten. Sie verkroch sich sofort in einem Wandschrank im ersten Stock unseres Hauses. So wusste niemand, dass hier im Haus ein Waschbär lebte. Schon das geringste Geräusch, das Petzi nicht kannte, liess sie in Panik ausbrechen. Nur meine Stimme konnte sie beruhigen!
Weihnachten verbrachten wir dieses Mal mit meiner Freundin Kathrin und unseren Tieren. Kathrin hatte das Glück, dass Petzi ihre weibliche Stimme mochte. Petzi zwickte sie zwar ständig, aber das liess Kathrin gern über sich ergehen, denn sie wusste ja, was Petzi durchgemacht hatte.
Petzi freute sich sichtlich über ihre Weihnachtsgeschenke. Sie riss alle Pakete sofort auf und frass gierig ihre Erdnüsse und Garnelen. Irgendwie wusste sie, dass dies ihre Geschenke waren. Es wurde ein wunderschönes Fest. Mein schönstes Geschenk war: Petzis Freude!
Es wurde Januar und unser Sohn kam zu Besuch. Für Petzi war es ein Grauen: ein Mann und noch dazu so gross. Sie liess sich nur sehen, wenn Andi nicht im Zimmer war. Für beide war es nicht sehr angenehm. Unserem Sohn war es manchmal unverständlich, dass ein Tier von uns so geliebt wird. Doch in dieser Zeit konnten beide auch etwas lernen. Petzi merkte, dass auch Andi gut zu ihr ist. Und Andi begriff am Ende seines Urlaubs, dass Tierhilfe und Liebe nicht so einfach sind.
Petzi konnte sich nun schon sehr gut fortbewegen und wir unternahmen ab und zu einen Ausflug in den Wald. Man sah ihr an, wie glücklich sie ist, draussen im Schnee mit den Hunden spielen zu können. Es zog sie immer mehr in die Freiheit und ich liess sie nun auch ab und zu allein draussen. Wenn sie genug gespielt hatte, kam sie an das Terassenfenster und wollte hereingelassen werden. Sie verhielt sich wie ein kleiner Hund. Sie spielte mit allem, was sie finden konnte. Am meisten Spass machten ihr meine Eichhörnchen. Wenn ich den übergrossen Käfig sauber machte, war sie eifrig dabei. Das Klettern bereitete ihr anfangs noch viel Mühe, aber die kleinen Eichhörnchen animierten sie zum Spielen. So wurden Feinde zu Spielkameraden, die ich natürlich nie aus den Augen liess.
Mitte Februar entschied Petzi, draussen zu bleiben und bei unseren anderen Waschbären zu schlafen. Erst machte ich mir grosse Sorgen und trauerte auch ein wenig um meinen geliebten Hausgenossen, gleichzeitig war ich jedoch glücklich über Petzis neues Leben. Sie wurde von allen Waschbären akzeptiert, kam aber täglich zu mir und versicherte mir, dass sie ihre Mami über alles liebt.
Das Frühjahr zog ins Land und alle meine Waschbärenkinder, die im Wald geschlafen hatten, kamen zu Besuch, denn sie haben nun Hunger und wissen, wo sie ihr Fressen bekommen. Es waren auch noch viele dabei, die ich schon vor Jahren aufgezogen hatte. Im Mai verabschieden sich die meisten.
Dieser Abschied ist oft für immer, er tut mir sehr weh!
Petzi besuchte mich immer wieder, den ganzen Sommer über. Ich erkenne sie sofort an ihrem übergrossen Buckel, der wohl auch so bleiben wird.
Petzi wird ihren Hass gegen die Menschen nie vergessen können und ich meine, es ist gut so, denn nur so kann sie glücklich weiterleben. Unsere Freundschaft und unsere grosse Liebe zueinander werden ewig währen. Petzi hat in mir grosse Hoffnungen geweckt, weiterzumachen und mir den Mut und den Glauben gegeben, mit Liebe und Fürsorge alles schaffen zu können.

Wenn Petzi am Abend vor unserem Fenster sitzt , weiss ich, dass Liebe und Hoffnung Berge versetzen können! Dieser kleine Bär ist ein grosses Beispiel dafür, dass es sich lohnt, jedem Tier zu helfen, um ihm eine neue Lebenschance zu geben!
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