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Ende Mai musste ich, wie jedes Jahr um diese Zeit, die ersten Waschbärenbabys zu mir holen. Vier Winzlinge, deren Mutter im Strassenverkehr überfahren worden war! Meine Gefühle sind jedes Mal gleich. Ich fühle mich eigentlich traurig, dennoch überglücklich, dass es noch Menschen gibt, die das Herz am rechten Fleck haben und die Babys im Tierheim abgeben. Aus Unwissenheit werden hier noch immer Waschbären vergiftet, erschlagen oder von Trappern mit Schlingen gefangen und zu einer Pelzmuetze verarbeitet. Von all' den Tieren, die jedes Jahr auf den Strassen ihr Leben lassen, will ich erst gar nicht reden.
Meine vier Kleinen hatten Glück. Nun beginnt für mich ein Wettlauf um Leben und Tod. Es ist nämlich sehr wichtig, dass die Babys von Anfang an die richtige Nahrung bekommen! Leider ist es nicht so einfach, sie gleich an die Flasche zu gewöhnen. Oft erfordert es viel Geduld und Zeit. Nach zehn Jahren Erfahrung kenne ich jedoch viele Tricks, die mir auch diesmal sehr hilfreich waren. Streicheleinheiten z.B. wirken immer: Ich streichele ihnen zärtlich den Rücken von oben nach unten. Meistens werden sie dann ganz gierig und trinken sofort. Doch jeder Waschbär hat seinen eigenen Charakter. Auch jetzt hatte ich wieder Erfolg damit. Sie tranken sehr viel und waren sichtlich froh, wieder eine Mama zu haben!
Wenn alles gut geht, haben die Babys es nach vier Tagen geschafft und ich kann nachts wieder beruhigt schlafen.
Am Morgen des fünften Tages aber kam wieder ein Anruf. Ich solle dringend vier Waschbären im Tierheim abholen. Für solche Fälle haben mein Mann und ich immer alles vorbereitet: Einen Korb mit Handtuch, eine Spritze, Wasser und meine Wunderpaste NUTRICAL. Schnell noch unsere vier Kleinen füttern und los geht's. Jede Minute zählt.
Der Anfahrtsweg ist weit, zwei Stunden hin und zwei Stunden zurück. Alles muss genau überlegt sein. In vier Stunden müssen ja auch die Babys, die zu Hause warten, wieder die Flasche bekommen. Also schnell! Bei diesen langen Fahrten begleitet mich immer die Angst, nicht rechtzeitig vor Ort sein zu können oder, wie schon oft vorgekommen, dass ein Pfleger es besonders gut meint und ihnen Milch gibt. Dies kann den Tod der Findlinge bedeuten. Alles liegt nun wieder in unserer Hand.

Die Übergabe der Waisenbabys erfolgt meist ohne viele Worte: Ein kurzes “Hi, how are you?”, mehr nicht. Ich muss dazu bemerken, dass hier in Kanada die Tierheime übervoll sind und sich deshalb niemand die Zeit für Wildtiere nehmen kann. Manche Heime nehmen überhaupt keine Wildtiere an.
Endlich wird mir ein Karton überreicht. Als ich den Inhalt sehe, laufen mir sofort die Tränen über das Gesicht. Es ist ein schrecklicher Anblick: Drei völlig verwahrloste und zum Skelett abgemagerte Wesen, etwa zwei Wochen alt. Als ich eines in die Hände nehme, merke ich, dass die Tiere lange keine Flüssigkeit bekommen haben. Mit einer Spritze flösse ich sofort allen dreien tröpfchenweise Wasser in den Mund. Sie können kaum mehr schlucken, die Armen.
“Nein”, schrei ich nur noch: “Warum gibt ihnen keiner Wasser?” Die Antwort: Man zuckt nur kurz mit den Schultern und ist erstaunt, dass ich mich so aufführe, wegen ein paar Waschbären. Erst jetzt merke ich, dass es nur drei sind. Wo ist das vierte? “Ach ja, das hab ich fast vergessen”, erklärt die Pflegerin mir kurz. “Es war so schwach, ich musste es von den anderen trennen.” Sie reicht mir den kleinen kalten Körper über den Tresen. In diesem Augenblick blieb mein Herz vor Entsetzen fast stehen, ich bekam einfach keine Luft mehr.

Bis heute kann ich Menschen nicht verstehen, die so kalt und herzlos mit Tieren umgehen. Ich schiebe den kleinen Körper sofort unter mein T-Shirt an meine Brust, damit er sich aufwärmen und meinen Herzschlag vernehmen kann. Ich flösse ihm ein paar Tröpfchen Wasser ein, doch ich merke zugleich, dass der Kleine im Sterben liegt. Mein Mann nimmt mich wortlos an der Hand. Er hat Tränen in den Augen und ich fühle, dass er der einzige Mensch in meinem Leben ist, der meine Gefühle versteht.
Oh, mein Gott, bitte lass sie nicht sterben, sie sind doch noch so klein!
Mein Bitten für das Kleinste an meiner Brust war jedoch zu spät. Ich fühlte, wie der kleine Körper noch mal Luft holte und sich aufbäumte. In diesem Augenblick überkam mich ein furchtbares Gefühl der Trauer und der Schuld, versagt zu haben. Auch mein Glaube an die Wiedergeburt konnte mir nicht helfen. Wieder hatte es ein Menschenkiller geschafft, eines der wunderbaren Wildtiere zu töten. Warum? Warum nur kann man die Tiere nicht in Frieden leben lassen!?
Wir blieben kurz am Strassenrand stehen. Wir nahmen uns in die Arme und weinten wie Kinder. Es tat ja so weh, und wir waren uns sicher, noch mehr für diese Tiere tun zu müssen.
Ich nahm die drei Winzlinge aus dem Karton und gab ihnen wieder tröpfchenweise Wasser. Diesmal waren sie schon bereit, richtig zu schlucken. Wenigstens ein kleiner Lichtblick und meine Hoffnung wuchs, dass ich sie durchbringen würde.
Wir kamen wie gelähmt zu Hause an. Mein Mann fütterte sofort unsere vier. Sie waren wohlauf und sehr hungrig. Unterdessen bereitete ich eine Flasche mit Hundewelpen-Milch vor und begann den ersten Waschbären am Rücken zu streicheln, bis er schnurrte und dann konnte ich ihm den Sauger in den Mund stecken. Anfangs weigerte er sich noch, doch nach dem fünften Versuch saugte er gierig. Ich musste nur aufpassen, dass er nicht zu viel trank. Alle drei tranken ein wenig und schliefen ruhig ein. Wir waren überglücklich, dass alles so gut ging.
Alle sieben Kinder schliefen nun seelenruhig und wir gönnten uns ein paar Minuten Auszeit am See. Die Abendsonne glitzerte im Wasser. Alles war so friedlich und doch konnte uns nichts so richtig glücklich stimmen. Wir begruben unser Waschbärenbaby neben einem kleinen Teich unter einem wilden Kirschbaum. Wir wünschten ihm ein glücklichere Wiedergeburt und entschuldigten uns für die Menschen, die ohne Herz und ohne Liebe sind. Denn sie wissen nicht, was sie tun!
Dieser Sonntag sollte indes noch lange nicht vorbei sein! Wir fingen wieder an zu füttern. Die ersten vier tranken sehr schnell und gierig. Mein Mann kümmert sich meistens um die Sauberkeit der Körbchen. Wärmflaschen auffüllen ist sehr wichtig. Die Kleinen frieren sehr schnell und dann besteht die Gefahr, dass sie Durchfall bekommen.
Nun zu meinen drei Sorgenkindern. Beim Herausnehmen spüre ich sofort, dass etwas nicht stimmt. Alles ist voll mit einer wässrigen, hellbraunen Flüssigkeit. Sie haben Durchfall! Wie sollten wir ihnen jetzt helfen? Was sollten wir tun? Es war Sonntag. Die Tierarztpraxen waren geschlossen. Da erinnerte ich mich an eine Frau, die bei einem Tierarzt arbeitet. Ich rief sie an und bekam die Privatnummer der Tierärztin. Den Anruf hätte ich mir sparen können. Ich schilderte ihr die Symptome der Krankheit und sie meinte nur, ich könne nichts tun, als die Tiere alle vier Stunden zu füttern. Ich flehte sie an, mir doch irgendeine Medizin zu verschreiben. Doch sie meinte nur, außer Wärme und Flüssigkeit gäbe es nichts, was den Waschbären helfen würde. In dieser Nacht schliefen mein Mann und ich im Wohnzimmer, umgeben von unseren schreienden Babys.

In dieser Nacht starben alle drei, obwohl wir alles getan hatten, was in unserer Macht stand. Unsere Kräfte waren am Ende. Der Vorfall schien mir das Herz zu brechen und ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.
Um 6 Uhr früh erwachte ich auf der Couch und hörte von meinen vier Kleinen das erste Jammern. Es war wieder Zeit, sie zu füttern. Gleich bereitete ich die Milch vor und öffnete den Korb. Ein neues Bild des Schreckens: Der Kleinste lag tot neben seinen Geschwistern. Mein lautes Schreien und Weinen rissen meinen Mann aus dem Schlaf. Als er endlich wach war, hielt ich immer noch das tote Baby in der Hand und drückte es an mich. Meine Nerven waren am Ende. Ich konnte die Welt nicht mehr verstehen. Viele Jahre war alles gut gegangen. Nun wusste ich nicht mehr, was ich tun sollte. Ich war einfach fix und fertig. Nein, ich kann nicht mehr, sagte ich nur noch vor mich hin.
So viel Leid, warum hilft uns keiner?
Die drei anderen Waschbärenbabys überlebten. Ich hütete sie wie einen Schatz. Eigentlich wollte ich von diesem Tag an nie mehr Tierbabys aufziehen. Doch bis heute sind es noch viel mehr geworden.
In diesem Jahr bekamen wir noch viele Waschbärenbabys, Murmeltiere und andere Tiere. Wir lieben sie alle, als wären wir eine Familie. Nach all' den Erlebnissen muss ich manchmal sehr aufpassen, dass ich diese Art von Menschen, die den Tieren so viel Leid antun, nicht anfange zu hassen. Es ist wirklich schwierig für mich, sie zu akzeptieren. Seitdem weiss ich jedoch auch, dass ich einen wunderbaren Mann an meiner Seite habe, ohne den es niemals möglich wäre, den vielen Tieren ein Zuhause zu geben. Trotzdem wäre es schön, wenn es mehr Menschen gäbe, die uns unterstützen würden. Leider habe ich hier noch niemanden finden können, der die Tiere so liebt, dass er auch bereit ist, für sie etwas zu tun.

Diese Geschichte widme ich meinen kleinen Bären die ich leider nicht retten konnte! Meine Trauer um das Leid der Tiere wird mir die Kraft geben weiter zu kämpfen.
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