Weitere Geschichten: Theresa, Racky, Trauer, Petzi, Harry



Theresa
Erzählung eines 2 Wochen alten Waschbärenbaby


Mein Name ist Theresa. Ich bin ein Waschbärenkind und lebte früher mit meiner Mama unter einem Hausdach. Es war dort sehr gemütlich und warm. Ich war glücklich! Mama war nachts meistens unterwegs, und ich musste in unserem kleinen Nest bleiben, bis sie zurückkam.

Eines Nachts veränderte sich mein Leben auf ganz grausame Weise: Zuerst hörte ich meine Mama fürchterlich schreien und klagen. Durch einen kleinen Schlitz im Holz konnte ich einen großen Menschen erkennen, der mit einer Schaufel auf Mama einschlug. Meine Angst war so groß, dass ich mich ganz still in einer Ecke verbarg.

Dort wartete ich auf meine geliebte Mama. Doch sie kam nicht wieder! Ich war hungrig. Meine Angst wurde immer grösser, mein Weinen immer lauter: “Mama, Mama!”

Der riesige Mensch, der auf meine Mama eingeschlagen hatte, entdeckte mich, zog mich aus meinem Versteck und warf mich in eine dunkle Kiste! “Mama, wo bist Du???!!!” Es war so kalt und dunkel und mein Hunger wurde immer stärker, aber mein Warten auf Mama war vergebens!

Plötzlich öffnete sich mein Gefängnis. “Mama, bist Du das?” Wieder griffen riesengroße Hände nach mir; doch diesmal war es anders: Eine helle Stimme sprach mit mir ganz sanft und leise, fast so, als wäre es meine Mama.

Es war ein Mensch, der streichelte mich ganz zärtlich und steckte mir etwas Eigenartiges in den Mund. Das schmeckte fast so wie bei Mama und ich musste fest saugen, damit ich mehr bekam. Mein Hunger war so groß, dass es mir egal war, was ich eigentlich trank, aber ich fühlte, dass mir dieser Mensch zugetan war.

Von diesem Tage an hatte ich eine neue Mama...



...die ich fastgenauso lieb haben kann wie meine Waschbärenmutter. Brigitte, so heißt meine neue Mutter, streichelte mich, gab mir die Flasche und ließ mich immer bei ihr schlafen. Es war wunderschön, aber ich vermisste meine Artgenossen doch sehr und manchmal schreckte ich nachts auf und erinnerte mich mit Schrecken an die Nacht, in der der Mann meine Mama erschlug. Brigitte nahm mich dann aber sofort in den Arm, und ich war sehr erleichtert, nicht allein zu sein.

So wie mir ging es auch anderen Waschbärkindern und deshalb bekam ich noch Geschwister. Wir hatten ein eigenes Haus mit Körbchen, Bäume zum Klettern und sogar eine Schaukel. Mama war immer bei uns, gab uns die Flasche, spielte mit uns und brachte uns in unser Bettchen.

Als wir alt genug waren, durften wir alle draußen am Wasser spielen. Es gab ja so viel zu sehen und zu beschnüffeln. Mama machte täglich mit uns einen langen Spaziergang durch den Wald. Sie zeigte uns, wo wir all' die leckeren Käfer finden und nach Wurzeln graben können. Wir lernten sehr schnell, die Bäume hinauf- und hinunterzuklettern, doch mir ging manchmal die Kraft aus.

Dann hat Mama mich mit der Leiter wieder vom Baum geholt. Bin ich froh, dass sie immerzur Stelle war! Ich versuchte, sie nie aus den Augen zu verlieren.



Heute sind meine 13 Geschwister und ich fast erwachsen. Obwohl wir schon ganz allein draußen herumlaufen, ist unsere Mama immer noch für uns da. Jeden Abend wartet sie auf uns und gibt uns unser Fressen.

Irgendwie werden wir alle so müde und unser Hunger wird immer weniger. Vielleicht liegt es am Winterwetter und am kalten Schnee. Am liebsten bleiben wir jetzt in unserem Bau, den Papa für uns unter der Terrasse gebaut hat. Wir sind immer zusammen und kuscheln uns fest aneinander.

Es ist schön, eine Familie zu haben!



Theresa lebt heute noch bei uns und ich glaube sie ist sehr glücklich! Ich bin und bleibe ihre Mami.


- Brigitte Böhmer -

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